Eine Legende hat Geburtstag!

Vor nunmehr vierzig Jahren, Anfang Mai 1977, wurden beim Schleizer Frühjahrestraining zum ersten Mal drei völlig neue Rennwagen der Öffentlichkeit präsentiert, die es so in dieser Form noch nie gegeben hatte. Der MT 77 erschien auf der Rennsportbühne und trat an, die (ost-) europäischen Rennstrecken zu erobern.

Dieses völlig neu konzipierte Auto war das Ergebnis der intensiven Zusammenarbeit mehrerer kluger Köpfe, die bisher auf der Rennstrecke erbitterte Gegner waren, aber nun ihr fachliches Wissen und ihre Erfahrungen in ein Kollektiv einbrachten mit dem Ziel, einen neuen Formelrennwagen zu entwickeln, der den tschechischen und sowjetischen Rennwagen zumindest ebenbürtig oder besser noch überlegen sein sollte.

Die Idee zur Gründung dieser sogenannten „Sozialistischen Renngemeinschaft“ hatte der Altmeister Heinz Melkus, der im Herbst 1976 die besten Fahrer der DDR nach Dresden zu einer entsprechenden Beratung eingeladen hatte. Von den zahlreich eingeladenen Fahrern waren jedoch nicht alle bereit, ihr Wissen selbstlos den anderen zur Verfügung zu stellen. Insbesondere die Spitzenfahrer des an der TU Dresden in einer „Sozialistischen Entwicklungsgemeinschaft“ entwickelten SEG-Rennwagens Wolfgang Günther und Frieder Kramer wollten sich lieber auf die Weiterentwicklung ihres SEG konzentrieren.

So bestand das Team vorerst aus den Fahrern Ulli Melkus, Hartmut Thaßler, Peter Melkus, Heiner Lindner, Bernd Kasper und nicht zuletzt aus dem begnadetem Chefmechaniker des Hauses Melkus, Frank Nutschan. Kurze Zeit später kam noch Klaus Günther dazu.

Dazu gab es noch weitere Personen, die an der Entwicklung des Autos wesentlich beteiligt waren, so z.B. der Böhlitz-Ehrenberger Dipl. Ing. Eberhard Voigt hauptverantwortlich für das Design der Karosse und Dr. Henning Siemens, der die Windkanalversuche an der TU Dresden betreute. Der Altmeister Heinz Melkus fungierte als Berater des Teams.

Nach der ersten Präsentation zum Schleizer Frühjahrestraining erlebte nun der neue, mittlerweile SRG MT 77 genannte Rennwagen am Sachsenring seine erste Feuertaufe.
Am 10.Juli 1977 steuerte der Leipziger Heiner Lindner seinen neuen MT 77 in einem dramatischen und bei strömendem Regen ausgetragenem Rennen zu einem sensationellen Sieg. Wenige Wochen später deklassierte Ulli Melkus die osteuropäische Formelelite und gewann mit neuem Strecken- und Rundenrekord den Pokallauf in Schleiz.

Den DDR-Meistertitel 1977 gewann aber nochmals ein anderer Wagentyp, der SEG -III-Rennwagen mit dem Haudegen Wolfgang Günther am Steuer. Aber ab 1978 bis 1990 wurden dann alle DDR-Meisterschaften auf einem MT 77 gewonnen.

In Laufe der Jahre wurde der MT 77 ständig weiterentwickelt. Frieder Kramer wechselte nach der Saison 1978 das Lager und ging ins MT-Team. Als Fahrwerksentwickler bei Sachsenring Zwickau nutzte er den Großrechner des Trabantwerkes und errechnete eine neue Achsgeometrie. So erhielt der MT eine neue Vorderachse und auch die Anlenkpunkte der Hinterachse wurden im Laufe der Jahre mehrfach geändert. Die Vorderachse erhielt Zusatzfedern, um eine progressive Federrate zu erzielen. Um mehr Anpressdruck zu erreichen, wurde die Form des Karosserievorderteils geändert, die Heckverkleidung wurde verlängert, die Form der Seitenteile wurde aerodynamisch optimiert. Anfangs noch ohne unterwegs, erhielten die MT einen Heckflügel, dessen Form und Befestigung mehrfach modifiziert wurde. Im Laufe der Zeit wurde auch ein Fünfganggetriebe entwickelt. Mit Erscheinen des Wartburg 353 W fanden dessen 4-Kolbenbremsen auch am MT Verwendung, fast immer an der Vorderachse, bei manchen Autos auch an der Hinterachse und dort auch z.T. innen am Getriebe angebracht.

Hans Jürgen Vogel, nach seinem Wechsel vom SEG auf den MT, entwickelte eine neue Lenkung. So wurden die Autos je nach Modifikation als MT 77, MT 77-1, MT77-2 und MT 77-3 bezeichnet.

Nicht alle Besitzer eines MT haben ihr Fahrzeug immer auf den neuesten Stand gebracht, das hing vor allem von den finanziellen Möglichkeiten des jeweiligen Fahrers ab. Immerhin kostete die Wartburgbremse nur für die Vorderachse ca. 1.200,- Mark der DDR, etwa das eineinhalbfache eines Monatsverdienstes. Eine neue Spitze kam auf 450,- und ein Oberteil auf 700,-, ein 5-Gang-Getriebe wurde für 3.500,- gehandelt. Mancher Fahrer hatte auch seine eigenen Vorstellungen und modifizierte die Karosserie oder baute sich eine vollständig andere für sein MT 77 Fahrgestell.

Der MT bestimmte die Rennwagenszene der DDR, aber wie gut war er wirklich? Hier hilft ein Blick auf die Entwicklung der Rundenzeiten. Im Jahr 1976, also vor dem Erscheinen des MT, fuhr die schnellste Runde am Sachsenring der CSSR-Fahrer Karel Jilek mit einer Zeit von 3:24.0, das entsprach einem Rundenschnitt von 152,082 km/h. 1977 und 1978 waren die Zeiten deutlich langsamer, da es in Strömen regnete. 1979 fuhr Ulli Melkus mit dem MT 3:12.4, 1980 erreichte Frieder Kramer auf MT 3:10.3. 1982 im letztem Jahr mit dem altem Motorenreglement schaffte Heiner Lindner eine 3:06.8 oder 166,086 km/h.

Ulli Melkus erreichte 1986 eine Zeit von 3:00.9, dies entspricht einem Schnitt von 171,502 km/h, allerdings waren die Motoren dann mittlerweile getunt.
Ähnlich die Entwicklung in Schleiz. Fuhr Wolfgang Günther 1976 auf SEG III die schnellste Runde mit 3:12.9 = 142,414 km/h, 1977 brannte Ulli Melkus mit dem neuen MT schon eine 3:07.7 in den Asphalt. H. Lindner fuhr 1978 eine 3:03.9, während Frieder Kramer 1980 zum ersten Mal unter 3 Minuten kam und die Rekordzeit von 2:58.8 erzielte.

Mit Erscheinen des MT 77 verbesserten sich die Rundenrekorde innerhalb kurzer Zeit in Schleiz um 14,1 und am Sachsenring um über 17 Sekunden, und das bei im Prinzip unverändertem technischem Reglement !

Im Laufe der Jahre dominierte der MT77 die Formelszene in der DDR, immer seltener wurden mit anderen Typen Siege errungen.

Auch international war der MT recht erfolgreich. Ulli Melkus gewann mit diesem Auto fünf mal die Einzelmeisterschaft im Pokal der sozialistischen Länder, auch der Pokal für die beste Mannschaft, in der außer Wolfgang Günther (SEG) alle Fahrer MT 77 fuhren, wurde fünf mal gewonnen.

Vom 16. bis 18. Juni diesen Jahres werden nun einige MT 77 im Rennen der HAIGO zur ADAC Sachsenring Classic Veranstaltung an den Start gehen. Dabei ist auch der MT 77 von Volker Worm mit Tobias Worm am Steuer. Fast auf den Tag genau 40 Jahre nach dem ersten Start dieses Autos an gleicher Stelle. Dieser MT 77 ist einer von den drei Autos, die im Frühjahr 1977 in Schleiz erstmals der Öffentlichkeit gezeigt wurden.

Wenn auch im Laufe der Jahre so manches Teil erneuert wurde, so ist dieser MT 77 trotzdem noch das Auto, das 1977 und 1978 als Sieger über den Zielstrich am Sachsenring fuhr und es ist auch der MT 77, mit dem erstmals eine DDR-Meisterschaft gewonnen wurde.

Am Lenkrad dieses so erfolgreichen Autos saß damals kein geringerer als Heiner Lindner, der mit diesem Auto auch 1979 DDR-Meister wurde. Das Lenkrad, das Heiner damals in der Hand hatte, ist immer noch verbaut, ebenso wie der Rohrrahmen, das Gehäuse der Lenkung und ein hinterer Achskörper noch original von 1977 sind.

Auch wenn es heute keinen absolut originalen MT von 1977 mehr gibt, können wir doch aber ganz sicher zu Recht sagen:

Hallo, lieber MT 77, herzlichen Glückwunsch zum 40. Geburtstag!

Volker Worm

Quellenangaben:
Inhalte: Heiner Lindner, Frank Nutschan, Volker Worm
Statistik: Puru.de
Fotos: Hannes Bemme, MotorPhoto.de