Ein automobilsportliches Märchen

Lieber Stromhardt,

zum Jahreswechsel habe ich mich nun entschieden, dir einen Brief zu schreiben. Er soll dir nur Kraft und Ausdauer für das neue Jahr geben und dir zeigen, dass du nicht allein kämpfen musst. Es gibt hoffentlich noch viele Fahrer und Anhänger des historischen Motorsport, die ebenso denken.

Es war einmal vor langer Zeit, nach dem 2. Großen Krieg in Europa. Kluge Männer trafen sich und legten Regeln für den Motorsport fest. Diese Regeln waren logisch und die Sportler waren zufrieden und achteten die Regeln, denn sie garantierten sportliche und interessante Wettkämpfe. Das Volk verstand diese Regeln und strömte zu vielen Tausenden an die Orte des Geschehens. Das brachte Geld in die Kassen und auch die Sportler profitierten von diesen Einnahmen, denn sie erhielten Startgeld und einen Transportzuschuss. Das meiste davon steckten die Sportler wieder in ihre Maschinen und das war ja auch so gewollt.

Eine sinnvolle Regel sah vor, die Fahrer einzuteilen in Nachwuchs-, Ausweis- und Lizenzfahrer. Nur die Leistung war entscheidend, für den Aufstieg in die nächst höhere Klasse.
Die Fahrer fuhren, schraubten und fuhren wieder und keiner kam auf die Idee, irgendeine Firma an zu betteln, weil sein Geld nicht ausreichte. Alle waren zufrieden, alle waren gleich arm oder gleich reich, aber alle verstanden sich und halfen sich gegenseitig.

Zuerst waren es die Fahrzeugfirmen, die sich selbst besser präsentieren wollten und so entstanden die „Firmenformeln“. Doch bald kam auch eine Nudelfirma und dann eine die Butterkekse herstellte, denn sie alle wollten ihre Firma auch auf der Karosserie vertreten haben.

Mit der Zunahme der Werbung, sank die Besucherzahl an der Strecke. Und langsam verschwanden auch die klugen alten Männer in der Motorsportorganisation. Es kamen neue Kräfte, besser aus- und eingebildet. Sie packten an, veränderten, krempelten um und entrümpelten. Der Journalist Eddie Guba, ein Fachmann und Kenner der Materie warnte vor den Folgen neuer Regelungen und diese Warnung wurde in der Fachpresse auch gedruckt.

Die es lesen sollten, lasen es nicht und wenn sie es gelesen hätten, dann hätten sie es nicht verstanden. Die neuen Männer am motorsportlichen Ruder hatten Visionen. Es lebte die Show! Nur die will keiner sehen. Da jagen Mutti´s Einkaufsautos mit Kriegsbemalung um den Kurs und die Formelfahrzeuge sehen eines wie das andere aus. Die den Eierschalen frisch entschlüpften Fahrer, schlürfen genüsslich in der VIP-Lounge ihren Cappuccino, während die Mechaniker fehlendes Talent in Windeseile, am Rennauto zu reparieren haben.
Man kann sich´s ja leisten, denn Papa oder der Sponsor bezahlt den „Spaß“. Und was der Kostet? Die jungen Talente verballern als Nachwuchsfahrer im Jahr mindestens 250.000,00 EUR, auf dem vermeintlichen Weg in die Formel 1 dieser Welt.

Ach bald hätte ich es vergessen. Ja, es gibt sie. Die „Herzschrittmacherformel“, das sind gut betuchte ältere Herren, manchmal ist auch eine Dame dabei, mit finanziellem Polster. Die steigen dann in einen Ferrari ein und spielen Rennfahrer, halten überall dort an, wo sie gut gesehen werden und erzählen jeden und überall, dass sie Rennfahrer sind. Das Kind im Manne ist immer noch aktuell, aber es muss eben ehrlich bleiben.

Bei so viel Geld ist natürlich kein Platz auf den Pisten unseres Landes für ehrliche Schrauber, die sich „ihren“ Traumrennwagen selbst bauen und fit halten. Leider verstehen es unsere Fahrer immer noch nicht, obwohl es die Veranstalter schon sehr direkt gesagt haben: „Mit euch ist nichts zu verdienen“! Wenn die Fahrer sich nicht bald aufraffen und eine Gemeinschaft bilden, damit der sinnlosen Preistreiberei ein Ende gesetzt wird, dann wird es diese „ehrlichen“ Rennfahrer bald nicht mehr geben. Dann gibt es nur noch die Show, die eigentlich niemand mehr sehen will.

Es ist heute alles auf den Kopf gestellt. Ich glaube nicht, dass ein Schauspieler Geld bezahlen muss, um im Theater spielen zu können. Motorsportler müssen das. Und nur deshalb, weil die Unverantwortlichen ein Vorschriftenchaos geschaffen haben, das die zahlenden Besucher von den Pisten fernhält. Sie verstehen den Motorsport nicht mehr. Wer kennt sie, die Serien, Cups und Meisterschaften? Da starten 20 Fahrzeuge, sechs davon fallen aus und von den restlichen 14 bekommen 12 einen Pokal, da 4 „Divisionen“ gestartet sind.
Der Zuschauer gähnt und steht auf, um nicht einzuschlafen. Man hatte neue Ideen und glaubte, dass abgetakelte Promis Besucher anziehen würden. Doch die Ränge bleiben leer.
Wie schrieb es Eddie Guba 1970!!? „Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass sich der Autosport einer Krise nähert“. Die Krise ist da und keiner nimmt Notiz davon. Und weiter: „Die Kosten steigen, viel rascher noch als im täglichen Leben, die Rennarten, Meisterschaften und Fahrzeugkategorien werden immer verwirrender – nicht nur für den Laien, sondern auch für diejenigen, die ständig mit dem Sport zu tun haben und als Folge – Zuschauer wie Journalisten, Wochenschaukommentator wie Sportinteressierte schrecken zurück, wenn man sich näher mit dem Autosport befasst. Man versteht ihn nicht, diesen Sport, der doch an sich hochinteressant sein könnte“.

Immer wieder werden ich an Goethes Zauberlehrling erinnert. Auch wenn ich manche Vorschrift aus dem Gesetzeswerk lese. So steht im Anhang „K“ zum internationalen Sportgesetz unter 6.12.2: „Die Felgendurchmesser dürfen nicht verbreitert werden, es dürfen aber schmalere Felgen verwendet werden, damit verfügbare Reifen montiert werden können“. Na ja, das kann schon mal passieren und wir wissen wie es gemeint ist, aber wenn die Fahrer auch nur ein „Kreuzchen“ an die falsche Stelle machen, droht man ihnen sofort eine Strafe an.
Da ich keine Sonderschule besucht habe, sondern Technik studierte, kann ich diese Formulierung nicht deuten – sorry. Ich habe zwar schon von Versuchen zur Quadratur des Kreises gehört, jedoch noch nie von der Verbreiterung des Durchmessers. Man lernt eben nie aus.

Für Irrsinn gibt es viele Beispiele. Da existiert mitten in Deutschland eine herrliche Naturrennstrecke auf der auch Weltmeisterschaftsläufe für Beiwagenmaschinen, nein Sidecars, ausgetragen werden. Für Rennen mit alten historischen Rennwagen von damals, die seit 1961 dort immer zur Freude von Tausenden Zuschauern am Start waren, sind nun für immer verboten. Irrsinn pur, denn die Gespanne fahren pro Runde mal so locker ca. 30 Sek. schneller und völlig ohne Sicherheitsgurt. Die alten Autos aber, haben die neusten DMSB genehmigten Gurte, Sitze, und Feuerlöscher und sind trotzdem von dieser wunderbaren Rennstrecke verbannt.

Scheinbar schlaue Leute wollen nun mit einer Unterschriftensammlung das Schlimmste verhindern, aber wenn man sich diese Liste anschaut und das Wort „anonym“ statt einer ehrlichen Unterschrift liest, dann kann einem schon die Lust vergehen.

Es gibt viel zu tun für die Schuldigen, aber sie arbeiten unermüdlich. Kürzlich verfassten sie eine 34-seitige Schrift zur Verteilung von Eintrittskarten in das Fahrerlager. Dabei wurde eingeteilt in Berechtigung für Boxengasse ohne Boxenmauer, Boxenmauer ohne Boxengasse und Startaufstellung ohne Zutritt zur Boxengasse! Wenn die Farbe des „Halsbandes“ nicht mit der Farbe der Karte übereinstimmte, dann war alles ungültig. Das soll nun Motorsport für alle und jeden sein – nein danke.

Nur Mut es gibt noch viel zu regulieren. Der Weg des Automobilrennsports ist ein Elefantenpfad. Elefanten gehen immer auf demselben Pfad. Das ist Berechenbarkeit Zuverlässigkeit und Stabilität. Wir wissen es zu schätzen, aber scheinbar sind wir die Einzigen.

Lieber Stromhardt, lass dich nicht unterkriegen, du und die HAIGO, ihr seid auf dem richtigen Weg. Wie lange noch, dass entscheiden leider andere.

Dein Freund,
Helmut Tschernoster