Da muss man durch – Most 2017

Alle hatten darauf gehofft, dass der Altweibersommer doch nun endlich kommen könnte, aber genau das Gegenteil war der Fall. Der einzige Sonnenstrahl war die Ankündigung im Programmheft. Da stand ganz groß:

The memories of motor racing under socialismus

Und so sehen wir uns auch.

Sturm, Regen und eine Saukälte waren die Rahmenbedingungen zum HAIGO – Saisonfinale.

So mussten alle Fahrer mit den gleichen unwirtlichen Umständen kämpfen, denn bei keinem der Rennen konnte jemand auch nur im Geringsten vorher sagen, was denn nun die richtige Reifenwahl sein wird.

Die Nervosität im Fahrerlager war vor jedem Rennen regelrecht zu riechen. Neuerdings sind ja unsere jungen Leute so clever und versuchen ihr Glück mit einer Wetter Vorhersage übers Telefon. Das hatte zwar den Erfolg, dass sie wussten, wenn der Regen da sein wird, aber wie stark er sein wird, dass konnten sie nicht heraus finden. Sei es wie es sei, der Reifenpoker war am Ende nicht viel anders, als vor dreißig Jahren.

Die internationalen Rennen, noch dazu eins was von der FIA ausgeschrieben ist, hat natürlich immer auch einige Überraschungen parat. So war die französische Zeitnahme eben der festen Überzeugung, dass unsere AMB – Transponder mit ihrer Technik nicht kompatibel sind. So mussten alle unsere Fahrer einen Transponder für 50,-€/ Wochenende mieten. Als Trostpflaster bekamen wir aber dann ein freies Training von der tschechischen Rennleitung regelrecht geschenkt.

Das ganze Wochenende über, waren die Formelleute die Truppe, die zuerst testen musste, was da draußen auf der Strecke los ist. Das hatte für die Blechauto-Chauffeure den Vorteil, dass sie eine gute Info nach dem Rennen bekommen konnten. Wo steht Wasser, kann man Slicks riskieren und hundert andere Fragen, waren da angesagt. Das die Tourenwagen das größere Problem bei Regen haben, liegt daran, dass das Wasser aus dem Radkasten immer wieder auf den Reifen zurück fällt, was bei der Formel zu 100% raus geschleudert wird.

Über die freien Trainings am Freitag-Nachmittag gibt es nicht viel zu berichten, weil es eben doch nur, mehr oder weniger, ein Funktionstest ist. Dabei gibt es von der Zeitnehme auch Rundenzeiten, die aber keine Bedeutung für die Veranstaltung haben.

So begann das Saisonfinale und der „Kampf um die Plätze“ am Samstag – Früh genau um 11:10 Uhr.

Der erste Aufruf galt der Formel und die Strecke war patsch-nass, aber es regnete nicht mehr. Alle standen auf Regenreifen, nur Christian Stoppel und Jens Maik wagten den Ritt auf „Profillos“ – Reifen. Unser „Neuling Stoppel ist bei solchen Aktionen sowieso immer etwas mutig und schaffte es doch tatsächlich mit nur 1,2 Sek. hinter Heidicke auf Startplatz zwei in der Easter.
Jens Maik hatte schon nach zwei Runden einen Defekt an der Bremse und landete am Ende des Feldes.
In der Mondial war in Poznan eigentlich schon eine Vorentscheidung zu Gunsten von Toni Koitsch gefallen.
Die Sensation war, dass Tobias Worm mit einen Rückstand von nur 0,028 Sek. hinter Toni Koitsch auf Platz zwei auftauchte.
Aber Nils-Holger Wilms wollte am Samstag- Nachmittag alles versuchen, um das Unmögliches doch noch zu schaffen. So sah dann die Startaufstellung zum ersten Rennen, für die ersten zehn so aus:

Toni Koitsch Tobias Worm (!)
Bernd Weber Nils-Holger Wims
Henrik Opitz Andrzej Fontanski
Jörg Koitsch Gunter Schönfeld
Frank Thalmann Heiko Werner

Nils-Holger Wilms ist ja als „Schnellstarter“ schon seit DDR-Zeiten bekannt, nur mit der energischen Gegenwehr von Toni Koitsch hatte er nicht gerechnet und so kam was keiner wollte, sie kollidierten in der ersten Kurve und die Sportkommissare erkannten in Toni Koitsch den Verursacher. Die Folge war eine 30 Sek. Zeitstrafe auf die Gesamtfahrzeit. Das aber sollte am Ende des Rennens Folgen für den Döbelner haben.
Für Nils-Holger Wilms war durch diese Kollision das Rennen vorzeitig beendet. Schade, denn der Kampf um die vorderen Plätze war damit zu einer Ein-Mann-Show geworden. Eher ein langweiliges Rennen, was im Vorfeld eigentlich ganz anders zu vermuten gewesen wäre. Dann war auch noch das Endergebnis vollkommen offen, weil die Zeitnehmer zwei verschieden Protokolle präsentierte. Erst auf meine Nachfrage, was denn die Zeitstrafe von Toni Koitsch für Auswirkungen auf die Endplazierung hat, gab es dann eine korrekte Liste, die als Sieger des Rennens Tobias Worm anzeigte.

Im ganzen Rennen wurden fünf Strafen verhängt, so das dann am Ende folgendes Ergebnis als korrekt und bestätigt bekannt gegeben wurde. So wurde als Sieger Tobias Worm vor Toni Koitsch und Jens Maik zur Ehrung auf das Podest gerufen.

Wenn man dann das Fazit zieht, hatten wir in der Formel mit sechs Ausfällen einen Saisonrekord erreicht, der keinen von uns befriedigen kann.

Unsere Tourenwagen machten das alles viel besser und schon im Qualifying zeigte Michael Krings mit seinem Zastava und einer Zeit von 2:10,99 wo der Hammer hängt. Es ist ein wirklicher Jammer, dass wir ganze sechs Tourenwagen zu Hause gelassen hatten, weil die Besitzer anderen Verpflichtungen nachgehen mussten.
Schade auch, dass Peter Gröning seinen Unfallschaden von Brno noch nicht reparieren konnte und das Uwe Hahn immer noch mit Getriebe – Problemen zu kämpfen hat. Denn Beide zählen allemal zu den Piloten, die durchaus in der Lage sind ein Rennen zu gewinnen.

Die ganze Mannschaft war auch sehr erfreut, dass endlich wieder Sebastian Dross an Bord war, denn der Berliner sorgt immer für Stimmung und gute Laune im Fahrerlager. Auch Marcel Heintze hatte alle seine Sorgen zu Hause gelassen und verstärkte die HAIGO in Most. So stand eben ein relativ kleines Feld mit zwölf Autos in der Startaufstellung, aber die ganz „Großen“ vom FIA-ETCC – Cup hatten auch nur ganze dreizehn Autos mit gebracht, was aber kein Trost für uns sein soll.

Die Resultate aus dem Qualifying zeigten schon, dass hier in Most eine Endscheidung fallen musste, denn die Meisterschaft ist erst beendet, wenn der letzte Punkt vergeben ist. Das es so eng werden würde, hatten die Spitzenleute schon im Voraus errechnet und so war es dann auch. Nach Michael Krings folgten Dieter Hoffmann, Rocco Berger, Sebastian Dross, Guido Steinmann, Kai-Uwe Rossner und Michael Weißenborn. Thomas Roth, Rene Bath, Marcel Heintze und Fritz Berger hatten keine Chance mehr in der Meisterschaft noch ein „Wörtchen“ mit reden zu können. Die Rennen am Samstag-Nachmittag und am Sonntag mussten die Endscheidung bringen.

Gegen 16:15 Uhr war es dann soweit und ich sage es gerne noch einmal, was unsere Tourenwagen wieder für ein Rennen boten, das war hervorragend.
Selbst der zwölffache(!) tschechische Staatsmeister Vaclav Lim in der Formel, kam zu mir und strahlte übers ganze Gesicht. Dann sagte er:

Stromhardt, so etwas gab es zuletzt 1988 hier in Most.

Ich glaube, ein schöneres Lob kann ich mir gar nicht denken.

Zwischen Michael Krings und Sebastian Dross musste die Rennleitung sicherheitshalber ein Zielfoto abrufen, weil es nicht deutlich war, wer denn nun Zweiter war.
Zum besseren Verständnis hier mal die Zeiten im Ziel:

Kai-Uwe Rossner = 24:47.44
Sebastian Dross = 24:47,73
Michael Krings = 24:47,74
Rocco Berger = 24:47,90
Michael Weißenborn = 24:50,01

Erst ab dem sechsten Platz mit Guido Steinmann erfolgt ein „Bruch“ der Zeiten, dass aber auch nur, weil Guido, der die ganze Zeit mit vorn dran war, in einer der letzten Runden in einen Dreher gezwungen wurde, weil eben manchmal nur ein Auto rein passt, aber eben zwei dort durch wollen. Wenn dann auch noch Dieter Hoffmann (Kabelbruch) hätte mit eingreifen können, dann wäre die ganze Sache „Filmreif“ gewesen.

Meine ganze Hoffnung begründet sich darauf, dass die Versprechungen einiger Interessenten, die jetzt irgendwo als „Rennfahrer“ ihr Dasein in einer Veranstaltung mit Gleichmäßigkeit fristen, ihr Herz endlich in beide Hände nehmen und zur HAIGO kommen. Ich garantiere hervorragenden Tourenwagen – Motorsport, denn die Weichen für 2018 sind gestellt und es sieht sehr gut aus.

Sonntag, der 8. Oktober 2017 und es ist keine Wetterbesserung in Sicht.

Die Rennleitung hatte uns am Samstag-Abend im Namen der ETCC – Vereinigung zur Party auf die Burg Hnevin eingeladen.
Selbst diese Ehre reichte nicht aus, um unseren Fahrern ein Lächeln auf die Gesichter zu zaubern. Das Wetter vermieste jede aufkommende Stimmung im Fahrerlager.
Das ganze Spiel vom Samstag wiederholte sich zu 100% und der Poker mit den Reifen begann von ganz vorn.

Wieder war es die Formel, die das testen musste, ohne vorher auch nur die geringste Chance zu haben, weil es kein Rennen vor uns gab. Aber sie meisterten ihre Aufgabe hervorragend, denn es gab keinen einzigen „Abflug“ obwohl Most ja bekanntlich im Regen immer sehr noch glatt ist. Toni Koitsch und Tobias Worm schienen sich mit den schlechten Verhältnissen am besten zu verstehen. So standen dann in der Startaufstellung der Estonia 25 und unser altehrwürdiger MT 77 auf gleicher Augenhöhe an der first line. Dahinter dann interessanter Weise die beiden letzten Autos, die Ulli Melkus noch 1988/89 und 1989/90 in Dresden gebaut hat.
Ihre Piloten sind immer noch die Leute von damals, nämlich Nils-Holger Wilms mit dem M 90 und Henrik Opitz mit dem ML 89. Hoffentlich hat das jemand von unseren Fotografen festgehalten, denn so ein Bild muss unbedingt ins HAIGO-Archiv.

Nils-Holger Wilms setzte sich sofort an die Spitze, wurde aber während des Rennens dauernd von Tobias Worm attackiert, der sichtlich einen guten Tag erwischt hatte. Am Ende ließ Tobias etwas abreisen, weil er rechnen kann und ihm die Punkte für den dritten Platz allemal wichtiger waren als irgendeine sinnlose Aktion, die alles in Frage gestellt hätte. Der schöne dritte Platz von Gunter Schönfeld wäre bald im Regen untergegangen, weil Gunter sich ganz leise nach vorn gearbeitet hatte und niemand hatte mit ihm gerechnet.

Am Saisonende gab es dann doch noch Ärger, weil sich Jacky Thalmann und Jörg Koitsch nicht über die Vorfahrt einigen konnten und ihre Autos zum Ende der Saison noch demolierten.

Leider war dieses Formel Rennen, wenn man von dem Zweikampf Wilms/Worm an der Spitze absieht, wieder mal ein sogenanntes zerrissenes Rennen, wo jeder mehr oder weniger für sich alleine unterwegs ist.

Eine Bemerkung muss ich am Schluss noch anfügen, dass unser polnischer Freund Andrzej Fontanski hier oder da eine falsche Entscheidung trifft, ist nicht zu übersehen, ihn aber dafür nicht nur von der Rennleitung sondern auch noch von der Fahrerschaft zu bestrafen, finde ich nicht sonderlich fair.

Sonntag – 14:45 Uhr

Ein spannendes Tourenwagen Rennen wird von uns allen erwartet. Es ist trocken, aber die Wolken an der Rückseite des Erzgebirges sagen etwas ganz anderes.
Telefon-Wetter-Info -> in 20 Minuten regnet es, was nun machen. Die Spitzenleute in der ersten Reihe, Rocco Berger und Dieter Hoffman haben Slicks drauf, also machen es alle anderen auch. Sie fahren in die Startaufstellung und es beginnt zu regnen. Vater Dross trifft eine Entscheidung und rüstet in letzter Minute um auf Regenreifen. Dann entscheidet sich Kai-Uwe Rossner auch auf umrüsten – es ist zu spät.
Da lässt der Rennleiter Gnade vor Recht ergehen und genehmigt, dass das Auto über ein Rettungstor in die Boxengasse geschoben werden darf. Sicherlich falsch, aber der Sicherheit wegen vielleicht richtig.

Das kleine Feld geht noch dazu ohne Michael Krings auf die Reise, weil dessen Ersatzgetriebe beim Funktionstest den Geist aufgegeben hat.

Zu allen Übel rollt Guido Steinmann bei der Startaufstellung auf einen falschen Startplatz (wahrscheinlich sogar falsch eingewiesen) und bekommt eine „Proberunde“ durch die Boxengasse geschenkt.

Die erste Runde können sich Rocco Berger und Dieter Hoffman noch vor Sebastian Dross retten, aber dann werden sie von Sebastian regelrecht verspeist.
Der Berliner donnert im Regen über den Asphalt von Most, als ob es kein Morgen gibt. Dahinter hat sich aber Kai-Uwe Rossner aus der Boxengasse und nun mit Regenreifen, auf die Jagd nach Dieter Hoffmann und Rocco Berger gemacht und er schafft es. Ich hatte die Punktwertung nach Poznan nicht im Kopf, aber ich wusste schon, dass es für ihn um „Alles oder Nichts“ ging. Früher schmiss der Geraer immer mal sein Auto weg, aber seit vorigem Jahr hat sich in seinem Kopf etwas entscheidendes geändert. Wie ein Uhrwerk lief sein Auto und wie ein Profi pilotierte er die russische „Heckschleuder“ um den Kurs. Er schaffte es auf Platz zwei und jetzt weiß ich es genau, es war sein Meistertitel.

Zum Schluss noch ein fälliges Statement zur Formel Easter. Die Fahrerschaft hatte schon voriges Jahr beschlossen, dass es auf Grund der schwachen Besetzung der Klasse ein Hilfsprogramm gibt. Dieses Hilfsprogramm hat einen sichtlichen Erfolg gezeigt, wobei dieser Erfolg eben leider von vielen Schultern getragen werden musste. Ich hoffe sehr, dass die Fahrerschaft diesem Hilfsprogramm auch 2018 zustimmt, was aber meiner Meinung nach sehr stark von der Konstitution der Besetzung der Klasse Tourenwagen abhängt. Ich möchte eines Tages nicht vor die Entscheidung gestellt werden und mich zwischen Formel Easter und HAIGO-Tourenwagen zu entscheiden zu müssen. Weil wir uns zwei Förderprogramme nicht leisten können. Sei es nun wie es sei, die Formel Easter Fahrer haben eine anständige Leistung über die ganze Saison gezeigt und haben einigen Mondials das Leben schwer gemacht und ich glaube es hat ihnen sogar Spaß gemacht. Dafür werden sie dann auch in Siebenlehn entsprechen geehrt.

Stromhardt Kraft